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SCHÖPFUNG UND MUSIK IM JUDENTUM

Ein Text von Jascha Nemtsov

Schöpfung und Musik im Judentum

In der hebräischen Bibel wird der Zustand der Welt vor dem Schöpfungsakt mit dem Ausdruck »Tohuwabohu« bezeichnet. Das ist eine Art Wortspiel mit zwei ähnlich klingenden hebräischen Wörtern – »tohu« und »wohu«. Martin Buber versuchte dieses Wortspiel in seiner Übertragung der Bibel ins Deutsche nachzuahmen und übersetzte es mit »Irrsal und Wirrsal«. Dieser chaotische, formlose Zustand der Welt wurde von Gott kraft Seines Wortes geordnet und mit einem Sinn erfüllt – und das war sogar für den Allmächtigen offensichtlich keine leichte Aufgabe. Dass die Schöpfung ein anstrengender Kraftakt war, beweist die Tatsache, dass Gott sich nach sechs Tagen Arbeit einen Tag lang ausruhen musste.

Nach jüdischem Verständnis ist die Schöpfung der Welt keinesfalls ein einmaliges Ereignis, ganz im Gegenteil: sie wird nie abgeschlossen. Der Mensch, der von Gott »in unserem Bilde nach unserer Ähnlichkeit« so Genesis 1,26 in der Übersetzung von Leopold Zunz) geschaffen wurde, wird zu seinem Mitarbeiter und Partner bei dieser Aufgabe. Die permanente Neuschöpfung der Welt ist notwendig, weil die Materie eine immanente Tendenz zum Zerfallen, zum Verlust der Form, zum Zurückfallen in den Zustand »Tohuwabohu« hat. Das kennen wir aus unserer alltäglichen Erfahrung: Jeder weiß, dass ein Schuh gelegentlich kaputt gehen kann. Ich habe aber noch nie erlebt, dass ein kaputter Schuh wieder von selbst heile geworden wäre – dafür ist eine geistige und physische Anstrengung notwendig. In der jüdischen Philosophie wird dafür der Ausdruck »Tikun Olam« gebraucht – wörtlich »Reparatur (oder Heilung) der Welt« – ein permanenter Prozess der Wiederherstellung der gestörten Harmonie der Welt, eine Art geistiger Widerstand gegen die destruktiven Tendenzen der Materie. Der Ausdruck »Tikun Olam« taucht erstmals im Talmud auf und prägt danach die gesamte Entwicklung des jüdischen Denkens, darunter auch die metaphysischen kabbalistischen Vorstellungen von den »zerbrochenen Lichtgefäßen“ (Isaak Luria). Es geht dabei aber nicht nur ums Denken, sondern vor allem ums Handeln. Nicht die Angst vor der göttlichen Bestrafung und auch nicht die Hoffnung auf künftige Belohnung in dieser oder in der kommenden Welt, sondern die persönliche Verantwortung für die Schöpfung ist im jüdischen Verständnis die wichtigste Motivation des ethischen Verhaltens des Menschen.

Was aber hat die Musik im Judentum mit Gottes Schöpfung und der von ihm geschaffenen Harmonie zu tun? Eigentlich gar nichts! Der menschliche Gesang – der in der traditionellen jüdischen Musik stets im Mittelpunkt steht – wird nicht als Abbild der göttlichen Harmonie, sondern in einem zutiefst humanistischen Sinne als Ausdruck des widersprüchlichen, oft qualvollen menschlichen Innenlebens aufgefasst. Die Welt mag von Gott noch so perfekt geplant sein, der Mensch ist es nicht – er wurde vielmehr mit einem freien Willen beschenkt und muss ständig um das Gute und um den richtigen Weg ringen, ohne je Vollkommenheit erreichen zu können. In einem frühmittelalterlichen jüdischen Traktat wird der Gegensatz zwischen menschlichem Gesang und der perfekten Engelsmusik thematisiert: »Gesegnet sei Israel – um wie viel ist es Gott lieber als die Dienstengel! Denn sobald die Dienstengel gedenken, mit ihren Liedern in den Höhen fortzufahren, umschließen Feuerflüsse und Flammenberge den Ehrenthron, und der Heilige spricht: Mögen alle Engel, Cherubim und Seraphim, die ich erschuf, vor mir schweigen, bis ich den Klang des Gesanges und Lobpreises Israels, meiner Kinder, vernommen habe.«

Als Musiker ist man ständig gezwungen, zumindest in seinem Beruf unmittelbar gegen das Stoffliche, gegen die Hindernisse und Beschränkungen der Natur zu kämpfen. Jeder Musiker muss vor allem mit seiner eigenen materiellen Unvollkommenheit fertig werden. Überhaupt kann der Mensch seine geistigen Fähigkeiten oft erst entwickeln, wenn er gefordert ist, wenn er innere und äußere Schwierigkeiten zu überwinden hat. Die Musik, die wahre Kunst im Allgemeinen kann nur in einem solchen Ringen entstehen. Der jüdische Komponist Viktor Ullmann, der im Ghetto Theresienstadt inhaftiert wurde, notierte dazu 1944 in einem Essay, den er mit dem Wortspiel »Goethe und Ghetto« betitelte: »Hier, wo man auch im täglichen Leben den Stoff durch die Form zu überwinden hat, wo alles Musische in vollem Gegensatz zur Umwelt steht: Hier ist die wahre Meisterschule, wenn man mit Schiller das Geheimnis des Kunstwerks darin sieht: den Stoff durch die Form zu vertilgen – was ja vermutlich die Mission des Menschen überhaupt ist, nicht nur des ästhetischen, sondern auch des ethischen Menschen.«

In letzter Zeit verbreiten sich in westlicher Welt die Ideen des Transhumanismus: Der Mensch wird demnach als eine Art Auslaufmodell betrachtet. Der Mensch sei unvollkommen, er könne mit der Maschine, mit der Künstlichen Intelligenz nicht mithalten und soll daher von ihr abgelöst bzw. durch sie ergänzt und zu einem Mischwesen, einem Cyborg umgestaltet werden. Politische Eliten und Technologiekonzerne sehen darin eine vielversprechende Entwicklung, die angeblich bereits als Zukunftsvision feststehe und unvermeidbar sei. Zumindest brauche der Homo Sapiens dringend ein »Upgrade«, das ihn zum »Homo Digitalis« macht, so die Vordenker des Transhumanismus wie der Google-Chefentwickler Ray Kurzweil (»Menschheit2.0«) oder der Historiker Yuval Harari (»Homo Deus«). Der Roboter, der in der jüdischen Golem-Legende einst als gescheiterter Diener des Menschen dargestellt wurde, wird nun zu einem höheren Wesen verklärt. Auch die menschliche Musik hat in der »Schönen neuen Welt« der Transhumanisten keinen Platz mehr, sie wird durch die »perfekte« Computermusik ersetzt. Unsere Kultur, die auf freier menschlicher Interaktion gründet, soll durch eine neue Kultur ersetzt werden, die sich überwiegend oder sogar vollständig in kontrolliertem digitalem Rauma bspielt. Unsere Gesellschaft, die durch menschliche Begegnungen und Beziehungen unterschiedlichster Art geprägt ist, würde so zu einer losen Ansammlung von atomisierten und gesteuerten Individuen, bei denen es einzig um Rationalität und Effektivität geht.

Die transhumanistische Ideologie, die pseudo-religiöse Züge aufweist, suggeriert unbegrenzte Möglichkeiten und verspricht eine bessere Welt, indem sie nicht nur Gott als Schöpfer, sondern auch den Menschenmit seiner natürlichen Unvollkommenheit abschaffen will. Es muss nicht extra betont werden, dass diese Ansichten nicht nur keine Spuren des jüdischen Denkens tragen, sondern fundamental allen jüdischen Wertvorstellungen widersprechen. Es ist aber schließlich die Aufgabe von uns allen, diesem neuen Totalitarismus, der unterschwellig immer mehr um sich greift und immer stärker auch tatsächlich unser Leben beherrscht, geistigen Widerstand zu leisten.

 

Schöpfung und Musik im Judentum - Ein Text von Jascha Nemtsov

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